Unsere Beziehung zu den Dingen (und warum es eine gute Idee ist, mal darüber nachzudenken)

Hast du jemals über deine Beziehung zu den Dingen in deinem Besitz nachgedacht? Ich meine, wirklich aufrichtig darüber nachgedacht. Über „ich habe es, weil es nützlich/schön/ein Geschenk ist“ hinaus. Über „Besitzt du diese Dinge oder besitzen sie dich?“ hinaus.


Wirklich, ehrlich, aufrichtig über deine Beziehung zu den Dingen in deinem Besitz nachgedacht.


Okay, sie sind dein Eigentum. Offensichtlich. Aber was bedeutet das eigentlich, Eigentum? Vom rechtlichen Standpunkt mal abgesehen – was ist das, „Eigentum“? Eigen. Tum. Wie sieht das aus? Wie fühlt es sich an?


Und gibt es verschiedene Arten von Eigentum? Ich meine, Menschen besitzen Autos und Haustiere und Möbel. Es gibt Menschen, die für ihr Auto das fühlen, was andere Menschen für ihr Haustier empfinden. Wie ist das bei den Möbeln?


Oder bei Haushaltsgeräten?


Schon ein Unterschied, oder? Du besitzt ein Haustier und du besitzt einen Kühlschrank, aber deine Beziehung zum Haustier ist anders als deine Beziehung zum Kühlschrank. Also, ich zumindest spreche nicht mit meinem Kühlschrank, wie ich mit einer Katze spreche.


Stellt sich mir die Frage, warum eigentlich nicht. Vielleicht sollte ich mit meinem Kühlschrank so sprechen, wie ich mit einer Katze sprechen würde. Schließlich ist alles Bewusstsein. Und das Außen ist der Spiegel meines Innen. Wenn ich also meinen Kühlschrank behandele wie ein seelenloses Objekt – was sagt mir das über die Beschaffenheit meines Bewusstseins? Wo und in welcher Beziehung behandele ich mich selbst wie ein seelenloses Objekt? Wo und in welcher Beziehung behandele ich Bewusstsein, als wäre es seelenlos?


Und was sind die Konsequenzen daraus?


Gute Frage. Wäre bestimmt nicht verkehrt, die mal bis zum Ende denken.


*


Um auf die Sache mit der Beziehung zurückzukommen, hier ist noch eine Frage zum Drübernachdenken: Wie verhältst du dich den Dingen gegenüber, die du besitzt? Ich meine, wenn du etwas aufhebst oder in der Hand hältst oder es benutzt. Wie machst du das? Liebevoll, voll Wut, desinteressiert – oder genervt, wenn du die blöde Wäsche nach dem Waschen auch noch zusammenlegen musst?


Denn, die Sache ist ja die. Die Wäsche oder der Rührbesen oder der Sofatisch – es sind alles Dinge, die du besitzt. Sie gehören dir. Auf eine Art und Weise sind sie du. Spiegelbilder deines Selbst in der materiellen Welt …


Lässt einen auf einmal die lästigen Socken, die darauf warten, in Paaren sortiert und zusammengerollt zu werden, mit ganz anderen Augen betrachten. Oder? Das da bist du. Ein Spiegelbild deines Bewusstseins.


Wer hat dir beigebracht, dass du eine lästige Pflicht bist und dass es eine Last ist, sich um dich zu kümmern?


Und ja, natürlich, dies zu schreiben ist ein Spiegelbild meiner inneren Welt. Nicht nur eine Frage an dich. Ich blicke hier in einem Spiegel. Und stelle mir selbst diese Frage.


*


Um wieder zu der Betrachtung deiner Beziehung du den Dingen zurückzukommen – was ist mit Statussymbolen? Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Materielle Gegenstände, die Macht, Reichtum und sozialen Status des Eigentümers anzeigen sollen.


Hmmm.


Ich habe mir mal den Spaß gemacht, die Definition von Statussymbol in verschiedenen Wörterbüchern nachzuschlagen. Der Duden sagt, es ist „etwas, was jemandes gehobenen Status dokumentieren soll.“


Interessante Formulierung. Es soll den Status dokumentieren. Nicht es dokumentiert den Status.


Das Cambridge Dictionary ist in seiner Definition noch deutlicher: „eine Sache, die Menschen haben wollen, weil sie glauben, dass andere Menschen sie dafür bewundern“.


Aus der Perspektive der Beziehung zu dieser Sache aus betrachtet … scheint ein Statussymbol weniger ein Symbol zu sein und eher eine Requisite. Etwas, das genutzt wird, um eine Rolle zu unterstützen.


Ein materieller Gegenstand, der den Besitzer stützen soll, weil dieser aus irgendeinem Grund davon überzeugt ist, nicht allein stehen zu können.


Und je mehr davon man hat, desto größer ist man, desto höher steht man.


Ehrlich?


Also, ich muss da enttäuschen: Wenn ich Menschen sehe, die in riesigen Villen leben oder große, teure, PS-starke Autos fahren, höre ich nicht „Ich bin reich und supertoll!“, sondern immer nur „Schau, wie klein und leer ich mich innerlich fühle!“


Was mich wiederum an etwas erinnert, das Karen Kingston in ihrem Buch Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags in dem Abschnitt über das Sicherheitsdenken sagt: „Aber egal, wie viel Sie besitzen, Sie werden sich nie sicher fühlen. Sobald Sie sich eine Sache zugelegt haben, taucht eine andere auf, die Sie „brauchen“. Und hinzu kommt die Sorge um den Verlust dessen, was Sie bereits haben. Einige der unsichersten Menschen, die ich kenne, sind Multimillionäre.“


Aber natürlich. Es ist nicht nur die Angst davor, seinen Besitz zu verlieren. Denn wenn es um Statussymbole geht, dann ist es kein reiner Besitz – es ist die Requisite, die Stütze.


Wenn man seine Stütze verliert, dann fällt man.


Wenn man die Requisite für seine Rolle verliert … verliert man dann sich selbst?


*


Wie viel deiner Identität ist an Dinge gebunden?


*


Es müssen auch nicht unbedingt Statussymbole sein. Jeder Gegenstand kann Identität stiften – bis hin zu dem Punkt, wo sie nicht mehr nur stiften, sondern Identität sind. Ein Beispiel:


Mir ist erst vor gar nicht so langer Zeit klar geworden, wie viel meiner Identität ich aus Büchern bezogen habe. Will sagen: aus dem Besitz von vielen, vielen Büchern. Ja, ich bin eine Leseratte und ein Bücherwurm, aber wenn der bloße Gedanke daran, die Studienausgabe eines Shakespeare Stücks zu entrümpeln, eine halbe Panikattacke auslöst … dann stellt sich mir zumindest die Frage, was da eigentlich los ist.


Also habe ich mich hingesetzt und mir diese Frage gestellt. Was hat die Panik ausgelöst? Was ist meine Beziehung zu diesem Buch, wenn der Gedanke daran, es dem Awo-Laden zu spenden, in mir solche Angst auslöst?


Und wie ich so da saß und auf meine Bücherwand starrte und die Gefühle in mir betrachtete, wurde mir klar, dass es natürlich nicht um das Buch als solches ging. Sondern um Identität. Ich bin ausgebildete Buchhändlerin, habe einen Magistertitel in Englischer Literaturwissenschaft – wie könnte ich da nicht Shakespeare im Regal stehen haben? Einen Klassiker! Vielleicht sogar der Klassiker schlechthin! Das geht doch nicht, das muss man doch haben. Leseratten und Bücherwürmer und Buchhändler und Magister-in-Englischer-Literaturwissenschaft haben so etwas im Regal zu stehen haben.


Stimmt's?


Wenn ich also das Buch aussortiere – dann verstoße ich gegen den ungeschriebenen Identitätscode für Leseratten und Bücherwürmer und Buchhändler und Magister-in-Englischer-Literaturwissenschaft. Ich verliere meine Identität.


Seine Identität zu verlieren fühlt sich an wie sterben.


Daher die Panikattacke.


Nein, das Buch habe ich inzwischen nicht mehr. Übrigens auch keine andere Shakespeare-Ausgabe. Denn ich bin mehr als eine Leseratte und ein Bücherwurm und Buchhändlerin und Magistra-in-Englischer-Literaturwissenschaft. Ich benötige dieses materielle Objekt nicht länger, um meine Identität in dieser Realität zu verankern.


Oder sie zu beweisen.


Mehr noch, das ist etwas, das ich nicht nur rein rational weiß – sondern etwas, das ich bis ins tiefste Innere hinein fühle.


Was nicht bedeutet, dass ich nicht nach wie vor Bücher liebe und sofort, umgehend und augenblicklich in Aziraphales Buchladen einziehen würde. Was es bedeutet ist, dass ich weiß – fühle – dass ich mehr bin. Sehr viel mehr.


Von daher benötige ich dieses Beweisstück, diesen Platzhalter in der äußeren Welt nicht länger. Er ist weg – und hat damit Raum geschaffen für etwas Anderes. (Neue Bücher!) Raum zu sein. Raum zu wachsen. Zu wachsen und mich zu entwickeln, aus der alten Identität hinein in eine neue. Eine Identität, die ich selbst bestimme. Die viel leichter ist. Und die – anders als ein materieller Gegenstand – den Raum bietet, auch in Zukunft weiter zu wachsen und mich zu verändern.


Und das? Ist so richtig klasse.


*


Ach, ja, um noch mal auf den Riesenschuppen und den Prachtschlitten zurückzukommen. Auf gewisse Art und Weise sind es in der Tat Symbole – Symbole für den inneren Zustand der Besitzer. Symbole für eine innere Welt, die so verwundbar und klein scheint, so leer und voller Angst, dass es ganz, ganz viele Dinge braucht, um diese Leere zu füllen, um sich sicher und geschützt zu fühlen.


Also ist das Statussymbol, letzten Endes, ein Symbol der Angst.


Und ich glaube nicht, dass irgendjemand auf lange Sicht davon profitiert, weder emotional noch mental noch, letztendlich, gesundheitlich, wenn er in einem Symbol der Angst lebt oder darin herumfährt.


*


Nur so ein Gedanke.


*


So, um diese etwas verschlungene Erkundung unserer Beziehung zu unserem Besitz zu einem Ende zu bringen …


Es gibt viele Fragen, die wir uns zu dieser Beziehung stellen können. Und ich glaube, dass es die Sache wert ist, das auch wirklich mal zu tun. Und über die Antworten nachzudenken, auf die wir dabei stoßen.


Die Dinge, die wir besitzen, die Dinge, mit denen wir uns umgeben, sind mehr als nur materielle Objekte. Sie sind Spiegelbilder dessen, was wir im Innern sind. Sie sind aus einem bestimmten Grund da. Sie dienen einem Zweck.


Das Verständnis unserer Beziehung zu diesen materiellen Objekten kann ein neues Licht auf unsere Beziehung zu uns selbst werfen - und auch darauf, wer und was wir sind. Jenseits der Dinge.

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