The Purge, Woche Sieben

Hmm, gefühlt werden die Wochen immer kürzer. Also, zumindest was das Entrümpeln angeht. Ja, es war wieder eine recht kurze Woche, in der entrümpelungstechnisch so viel nicht passiert ist. Was daran lag, dass ich am Freitag, den 21.08., in Urlaub gefahren bin. Und wie das immer so ist, in den letzten Tagen vor dem Urlaub passiert noch mal so richtig viel. Man ist also nicht nur mit Koffer packen und anderen Urlaubsvorbereitungen beschäftigt. Nein, es müssen noch dringende Unterlagen bearbeitet werden und was nicht noch. Es war also alles ein bisschen chaotisch und so blieb für das Entrümpeln wenig Raum.


Aber so ganz ohne war die so kurze Woche dann doch nicht. Zwar habe ich weder Zeit noch Kapazität gehabt, um Dinge durchzusortieren. Aber ich habe es geschafft, aussortierte Dinge final loszuwerden! Und wie ich irgendwann, vor einigen Wochen, schon einmal sagte: Wirklich entrümpelt hat man erst, wenn das Zeug wirklich weg ist.


In diesem Fall war "das Zeug" ein Ledermantel, den ich schon vor einigen Jahren quasi aussortiert habe. Ich habe mit ihm immer ein zwiegespaltenes Verhältnis gehabt. Echtes Leder und das in einem hellen Braun, sehr hübsch. Auf das Flauschefell an den Bündchen und den Kragen runter bis zum Saum, darauf hätte ich verzichten können. Aber doch etwas Besonders, etwas Außergewöhnliches. Und bei kühlen Morgen und frischem Wind angenehm warm.


Andererseits: echtes Leder. Unbehandelt. Ich kann mich noch vage daran erinnern, wie mir eingebläut wurde, dass dieser Mantel niemals nie nicht nass werden darf. Weil Leder! Das machte das Tragen natürlich etwas ... angespannt. Zumal der Mantel am besten für die Übergangszeit geeignet war. In der es, natürlich, öfter mal regnet.


Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich beim Tragen des guten Stückes wirklich entspannen konnte.


Aber eben auch nie ganz. Irgendwo war im Hinterkopf immer eine mahnende Stimme: Du musst sorgfältig damit umgehen, es ist echtes Leder, das ist etwas Besonderes, das war teuer, du musst sorgfältig sein. Was war das für eine fürchterliches Gefühl, als ich eines Tages nach einer Vorlesung aufstand, den Sitz hochklappte und feststellen musste, dass der Saum hinten und einer der Ärmel offenbar Schmutz abbekommen hatten! Dreck vom Sitz oder Schmier oder so etwas. Furchtbar! Wie konnte ich nur so unachtsam sein! Was bin ich für ein schlampiges, unachtsames Gör, pfui, schäm dich! Geh besser mit deinen Sachen um! Sie waren teuer! Glaubst du denn, wir können ständig Neues kaufen?!


Ah, ja. Wie du siehst, die Ermahungen der Eltern und Großeltern wirkten auch zwanzig Jahre später noch.


(Dreißig Jahre später übrigens auch noch: Allein das aufzuschreiben hat mir Magenschmerzen gemacht. Liebe Eltern, bitte geht eure Kinder niemals so an. Das tut noch Jahrzehnte später weh.)


Ja, und weil diese Ermahnungen immer noch wirkten, habe ich eben auch immer noch die Panik gehabt, mich dreckig zu machen, wenn ich den Mantel getragen habe, und dann gescholten und ausgeschimpft zu werden. Vielleicht sogar bestraft. Das macht das Tragen eines solchen Kleidungsstückes natürlich ... problematisch.


Auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, wie hübsch er doch ist und wie gut er mir steht.


Und dann bin ich vor inzwischen vier Jahren umgestiegen von vegetarisch auf vegan. Zuerst in der Ernährung, aber kurze Zeit später auch zunehmend überall sonst. Da geht der Ledermantel nicht mit einher. Zumal es mich dann auch irgendwann anfing zu gruseln bei dem Gedanken, dass ich die Haut eines toten Schweins trage. Brrrr. Also wurde der Mantel aussortiert.


Und hing dann weiter im Schrank. Denn: Was tun damit? Wegwerfen? Äh ... geht das? Kann man Leder einfach so in die Mülltonne stecken? Oder anders gefragt: Kann ich das?


Nein, natürlich konnte ich nicht. Dazu waren die Stimmen in mir einfach immer noch zu laut, die mir sagten, was für ein besonderes Stück das doch ist und wie teuer ... So etwas wirft man doch nicht weg!


Okay, dann ... Was? Verkaufen? Verschenken? Geht das denn? Immerhin, der Mantel ist nicht neu und auch wenn das Leder den meisten Schmutz einfach aufgesaugt hat - und keine Wasserflecken bekommen hat! -, er ist getragen. Wer würde so etwas haben wollen?


Naja, man kann es versuchen, dachte ich mir, und habe es versucht. Aber: kein Interesse.


Was nun? Weiter versuchen? Beim AWO Laden abgeben? Ob die den noch verkaufen können oder überhaupt wollen?


So grübelte ich noch vor mich hin - bis zur Woche sieben. In der ich dann an einem ihrer Tage den Mantel kurzerhand aus dem Schrank nahm, ihn in einen Plastikbeutel steckte, diesen Beutel gut verschnürte und ihn in einen Altkleiderssammelcontainer warf. So. Es reicht. Ich habe keine Lust mehr darauf. Jetzt können die Inhaber des Containers entscheiden, was damit geschieht. Ich wollte ihn nicht mehr - also wirklich auch weg damit!


Denn natürlich steckte hinter meinem Zaudern und Grübeln das dahinter - ich wollte nach wie vor bestimmen, was mit dem Ding geschieht! Ich selber wollte ihn nicht mehr, nein. Aber einfach Müll, einfach vernichten - nein, das auch nicht. Dazu war mir ja viel zu laut und zu gründlich eingetrichtert worden, wie teuer und besonders und schick das Ding war. Da ich ihn nicht mehr wollte - musste ihn natürlich jemand anders gefälligst wollen!


Das übrigens ein weiterer Weg, wie man sich beim Entrümpeln geschickt austricksen kann. Wenn man noch nicht wirklich bereit ist, etwas loszulassen, warum auch immer - dann drückt man das ungeliebte Stück gerne anderen auf. "Du willst das doch! Oder?!!!?"


Die klassischte Manifestierung dieses Tricks ist übrigens des nahezu komplett erhaltene Kinderzimmer im Haus der Eltern, auch wenn die Kinder schon längst ausgezogen sind und selber Kinder haben. Wegwerfen, abgeben, das geht irgendwie nicht. Aber den ganzen Ramsch im eigenen Haus haben? Um Himmels Willen, hier ist es doch schon so voll! Bei den Eltern ist noch Platz - und dann haben die Kinder auch etwas zum Spielen, wenn sie mal die Großeltern besuchen!


Ein sehr gewiefter Trick. Und oftmals gar nicht so einfach zu erkennen, zumindest bei sich selbst. Ich habe drei Jahre gebraucht! Nicht nur, zu erkennen, was ich da mache, wo es in meinem Unterbewusstsein blockiert. Sondern auch, den letzten Schritt zu tun - und loszulassen.


Neulich abends lag ich im Bett, und plötzlich ging mir der Gedanke durch den Kopf: Der Mantel ist weg! Er ... ist weg. Weg!


Und in mir war ein Staunen. Denn - er war weg.


Und mit ihm - auch eine große Last.


Die mir erst jetzt, wo er weg ist, wirklich bewusst geworden ist. Und weißt du was? Es fühlt sich verdammt gut an!

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