The Purge, Woche 8/Woche 9

Oh, hey! Was ist denn das? Gleich zwei Wochen auf einmal? The Purge im Doppelpack?


Ja, ausnahmsweise einmal. Der Grund dafür? Urlaub. :-)


Ich erwähnte im Blog für Woche 7, dass ich in Urlaub gefahren bin - eine Woche Wandern, zwischen Rhön und Thüringer Wald. Wer gerne wandert, dem kann ich die Gegend sehr empfehlen. Es war wirklich wunderschön, so viel Wald, so wenig Menschen. (Bis auf die Drachenschlucht. Das war Rudelwandern wie der Rotweinwanderweg im Ahrtal zur Weinlese. Ugh.) Auch sehr abwechlsungsreicher Wald - mal Buchen, mal Eichen, mal Nadelwald, mal fröhlich gemischt. Außerdem erstaunlich gesunder Nadelwald. Ich mag Nadelwald - er riecht gut und der Boden federt so schön unter den Füßen, da macht das Wandern gleich doppelt Freude.


Die Unterkunft war ein Apartmenthotel in Bad Liebenstein - sehr nettes Örtchen. Das Apartment war ebenfalls gut - und der Grund, warum ich für diese Woche überhaupt einen Blogeintrag schreibe. Denn natürlich fand in dieser Woche kein tatsächliches, physisches Entrümpeln statt.


Was stattfand war das Leben in einer vollkommen gerümpelfreien Wohnung.


Wie das eben so ist, mit Ferienwohnungen. Sie sind eingerichtet mit dem Nötigsten und auch ein wenig hübsch dekoriert. In diesem Fall: eine nicht zu fake aussehende, künstliche Orchidee in voller Blüte und ein großes Gemälde, das sich farblich sehr gut in das Farbschema des Apartments einpasste.


Ja, die Erfahrung ist keine komplett neue, ich habe sie bereits mehrfach gemacht. Und doch ist sie jedes Mal wieder faszinierend: wie ruhig es wird, in einem. Wenig zu sehen, wenig für das Hirn zu verarbeiten - Pause. Stille. Entspannung. Ich bin morgens wach geworden, zwar mit verspanntem Nacken weil schief gelegen und durchgeschlafen hatte ich auch nicht, und doch - mein erster Gedanke war: "Was habe ich gut geschlafen."


Es war toll.


Aber mehr noch als nur die Erfahrung dieser Stille - war die (erneute) Erfahrung, wie wenig man wirklich braucht. Ich sagte ja, eingerichtet war das Apartment mit dem Nötigsten: Esstisch mit vier Stühlen, Schlafsofa, Vitrinenschrank, TV-Bank mit TV, ein Regalbrett für Bücher, ein kleiner Hängeschrank. Dazu eine winzige Kochecke, das Bad und ein Schlafzimmer mit Doppelbett und Kleiderschrank. C'est tout. Und es reichte.


Sicher, kann man jetzt sagen. Das ist so, im Urlaub. Da ist man ein, zwei, maximal drei Wochen. Da braucht man eben auch nicht so viel. Im Alltag ist das anders.


Wirklich?


Ja, eine ernst gemeinte Frage. Brauchen wir im Alltag wirklich so viel mehr? Wenn du über deinen normalen Alltag nachdenkst - was brauchst du dann? Ich meine, von dem Zeug, das du so um dich versammelt hast. Wie viel brauchst du wirklich?


Oder anders gefragt: Wie viel brauchst du?


Wenn ich so um mich schaue - eh. Ich glaube, nicht so viel.


Und das ist auch das Fazit der Woche 9.


Nachdem ich am 28.08. aus dem Urlaub zurückkam, brauchte ich erst mal ein paar Tage Erholung. Ja, wirklich, kein Witz. Wir sind in den sechs Tagen über 100 km gewandert. Für jemanden, der zwar gerne wandert, den Großteil seiner Zeit aber doch sitzend verbringt, war das ganz schön anstrengend. Also habe ich erst mal ein Wochenende Pause gemacht.


Und dann noch ein paar Tage mehr. Die Woche 9 hatte es ... in sich. Aus mehreren Gründen. Der vorurlaubliche Plan sah zwar vor, in Woche 9, schön erhohlt, wieder durchzustarten mit The Purge. Aber Pläne ändern sich gerne und da ich derzeit die Flexibilität habe, meine Pläne an die Realität anzupassen - und auch keine Lust mehr, mich zu Dingen zu zwingen und wie ein Sklaventreiber innerlich auf mich einzupeitschen - "Du musst jetzt! Du musst tun! Du musst machen!" - habe ich es mir erlaubt, auch die Woche 9 quasi Urlaub zu machen. In anderen Worten - ich habe viel gelesen, viel geruht, viel nachgedacht.


Und aus dieser physischen Ruhe, in meinem unruhigen Umfeld, kam der Gedanke, das Gefühl: Ich habe zu viel Zeug.


Merkwürdig, war meine erste Reaktion. Ich habe doch schon so viel entrümpelt. In den letzten sechs Jahre und besonders in den letzten Wochen. Und trotzdem: Das Gefühl war da, das Gefühl war klar. Es ist zu viel Zeug.


Zu viel Zeug. Wow, das fühlt sich ... nicht so schön an. Belastend. Einengend. Ich will die Flügel ausbreiten und kann doch nicht, weil der Raum einfach nicht da ist.


Ich brauche Raum.


Ich brauche weniger Zeug.


So also das Fazit dieser Woche.


Das fühlt sich ... ein bisschen an wie Panik. Absolut richtig, ja, und gleichzeitig aber auch wie Panik. Denn der Gedanke, auf einmal wirklich nur noch die Hälfte von dem zu haben, was ich derzeit besitze ... Huh, da fängt der Verstand an zu rotieren. "Aber du musst doch, aber du brauchst doch!"


Wirklich? Muss ich?


Brauche ich?


Was brauche ich?


Was brauche ich wirklich?


Brauche ich zum Beispiel Weihnachtsdekoration? Ich feiere Weihnachten seit Jahren nur noch bestimmten Familienmitgliedern zuliebe. Muss ich den Kram dann haben? Oder ist das so eine Programmierung, die ich in der Kindheit aufgenommen habe: So leben wir eben, so ist das, so etwas hat man?


Brauche ich tatsächlich fünf Paar Sommerschuhe? Oder ist das auch etwas, das ich blind akzeptiert habe - die Schuhe müssen immer zum Outfit passen, daher muss ich drei, vier, fünf Dutzend haben, um auch immer koordinieren zu können?


Was brauche ich?


Die Antwort auf diese Frage bedingt, dass ich mir erst einmal darüber bewusst werde, wie ich leben will. Was für mich wichtig ist. Was für mich Wert hat.


Das ist eine Frage, die jeder nur für sich allein beantworten kann. Denn bin ich der totale Weihnachtsfan und kann von Kugeln und Kerzen und Lichterketten nicht genug bekommen, macht es mich glücklich, zu dekorieren und in der Adventszeit zu schwelgen? Dann verdammt ja, dann brauche ich Weihnachtsdeko. Finde ich den ganzen Weihnachtskrm superkitschig und eigentlich nur noch reinen Kommerz und dazu Familiendramen - wozu sich damit belasten?


Und so weiter.


Eigentlich sehr logisch, wenn man da so drüber nachdenkt. Nur geht das irgendwie oft verloren, geht im Alltag unter. Die Frage nach dem, was für einen wichtig ist. Was für einen Wert hat.


Wie man wirklich leben will.


Ich für mich bin jedenfalls sehr dankbar dafür, dass mir diese Fragen wieder einmal präsentiert wurden. Dass ich darüber nachdenken konnte.


Dass ich mir erlaubt habe, eine weitere Woche Auszeit zu nehmen und zu ruhen und nachzudenken.


Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke ... das Urlaubspartment mit seiner physischen Leere hat diese Fragen, diese innere Erkundung angeregt. Was taucht wohl alles aus meinem Innern auf, wenn mein eigenes, alltägliches Umfeld mir mit seiner physischen Leere diesen Raum bietet?


Oh, man, ist das alles spannend!



(Foto: Heike Reifgens)

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