The Purge, Woche 2

Das Thema von „huch, was geht denn hier ab?“ setzte sich auch in dieser zweiten Woche fort. Wenn das erst der Anfang ist …


Dabei fing die Woche zunächst sehr langsam an. Am Montagmorgen reiste die Freundin ab, die mich über das Wochenende besucht hatte, und am Montagnachmittag begann die Openhand Facilitator Summer School, ein jährlich stattfindender Aufbau- und Vertiefungskurs für angehende und bestehende Facilitator. Ich war also „auf Fortbildung“. Und da die Openhand Kurse immer unglaublich intensiv sind und viel bewegen, habe ich mir erlaubt, es diese Woche ruhig angehen zu lassen mit dem Entrümpeln.


Also, zumindest mit dem Entrümpeln auf physischer Ebene. Innerlich gab es die ein oder andere tektonische Plattenverschiebung.


Diejenige, die mir am besten im Gedächtnis geblieben ist, geschah, mal wieder, während ich ziellos vor mich hin guckte. Mein Blick fiel auf den Fernseher, den ich schon vor Monaten unter einem Tuch versteckt hatte, damit meine Reflektion in der Mattscheibe mich nicht irritiert. (Man sieht schon mal Dinge aus den Augenwinkeln …) Ich sah also auf den Fernseher, sah dieses Gerät, das ich seit Jahren nicht mehr genutzt habe – und es war, als würde es in mir „Klick!“ machen. Und es eröffnete sich eine neue Ebene des Verständnis.


Eine neue Ebene des Verständnis oder vielleicht eher eine Öffnung des Geistes für eine neue Ebene. Plötzlich wurde mir klar, dass auch der Fernseher entrümpelt werden würde. Ich gucke kein Fernsehen, er hängt nicht mal an Antenne oder Kabel. Ich habe ihn für den Fall, dass ich mal eine DVD gucken möchte. Aber auch das ist schon so lange her, dass ich mich nicht mehr erinnern kann. Ein ziemlich klarer Fall von: weg damit!


Aber das brachte mir zu Bewusstsein, wie viel ich von meinem Umfeld ohne zu fragen akzeptiere. Wie viel ich von „das macht man eben so!“ akzeptiere, ohne es zu hinterfragen. Einen Fernseher hat man eben. Wer keinen Fernseher hat ist komisch.


Kommt in meinem Fall noch dazu, dass ich für diesen Fernseher gekämpft habe. Meine Eltern wollten mir nicht erlauben, als Jugendliche einen Fernseher in meinem Zimmer zu haben. „Dann guckst du zu viel“, hieß es immer. Und: „Dann sehen wir dich ja gar nicht mehr!“ Immerhin haben sie mir nach langer Zeit erlaubt, mir selbst einen Fernseher zu kaufen, wenn ich sechzehn würde. Das habe ich auch durchgezogen. 500 DM hat er damals gekostet – eine Menge Geld, wenn man sechzehn ist. Geld, das ich mir über mehrere Geburtstage und Weihnachten zusammengespart habe.


Interessant ist, dass ich trotz dieser Geschichte keine emotionale Verbindung mit dem Fernseher spüre. Sehr viel anders als bei meinem alten eReader! Aber er war eben immer noch da. Für den Fall, dass ich mal eine DVD gucken möchte. Denn – auch das nicht hinterfragt – Filme zu gucken ist auf einem großen Bildschirm viel schöner!


Und doch habe ich letztes Jahr, problemlos und ohne mich eingeschränkt zu fühlen, Good Omens auf dem Laptop geguckt. Der übrigens ein CD/DVD-Laufwerk hat. Für den Fall der Fälle und DVD, und so. ;-)


Also.


Obwohl ich jetzt so viel über den Fernseher spreche – die innere Plattenverschiebung war gar nicht so sehr über das Gerät. Das war nur der Auslöser. Was sich in mir verschoben hat, was mir klar geworden ist – ist das Ausmaß dieser Entrümpelungsaktion. Zum einen, dass ich am Ende vermutlich wirklich nur noch die Hälfte oder vielleicht ein Drittel – oder noch weniger – von dem, was ich jetzt habe, besitzen werde.


Zum anderen die Erkenntnis, was die KonMari Methode eigentlich tatsächlich macht. Wenn man sie ernst nimmt, wenn man sie wirklich, aufrichtig durchführt – stellt man mit einem Mal alles in Frage. Seinen kompletten Besitz. Jedes Einzelteil. Alles.


Einschließlich sich selbst.


Wie oft stellen wir Dinge eigentlich noch in Frage? Gerade Dinge, mit denen wir uns tagtäglich und jahrelang umgeben?


Wie oft stellen wir uns selbst in Frage? Nein, das ist nicht angenehm. Ja, man kann da sehr schnell auf extrem unangenehme Gefühle und Erkenntnisse stoßen. Aber hilft festhalten am Altbekannten, am alltäglichen Trott denn wirklich weiter??


Angesichts der vielen Ratgeber und Seminare und Retreats zum Thema Selbstfindung und Selbstverwirklichung und Glücklich Sein möchte ich behaupten: Nein, es hilft nicht.


Und doch tun wir es nicht. Oder nur wenige von uns. Und selten.


Hmm.


Nun, mir wurde die Einladung, mich selbst komplett zu hinterfragen, präsentiert. Ich ahne, dass mich das in Tiefen führen wird, in denen es sehr dunkel ist oder zumindest zu sein scheint. Dass es mich auf Wege führen wird, die von Außen verstörend wirken mögen. Und ehrlich? Das ist mir egal. Das Gefühl der Aufregung und Neugierde in mir ist so stark, dass ich die Einladung annehmen und den Weg gehen werde.


Wheeheeeeee!


Entsprechend gestaltete sich dann auch der Rest der Woche – sowohl innerlich, im Kurs, als auch äußerlich, im tatsächlichen entrümpeln.


Also, erst mal passierte noch nicht viel. So eine Plattenverschiebung braucht Zeit, bis sich ihre Auswirkungen bemerkbar machen. Immerhin habe ich es am Mittwoch geschafft, eine weitere Bücherkiste für momox fertig zu machen – die ich allerdings erst gestern geschafft habe zur Post zu bringen – und am Donnerstag habe ich einen weiteren Bücher- und Zeitschriftenstapel im Nachbarort in den Bücherschrank gestellt.


Außerdem habe ich hier und da ein paar Papierstapel entsorgt: Flyer, Visitenkarten und einen Stapel „Weisheitskarten“. Die habe ich vor Jahren selbst geschrieben, es sind Zitate aus einem Buch, die mich angesprochen und berührt haben. Genutzt oder angesehen habe ich die Karten selten. Beim Durchsehen jetzt stellte sich keine Resonanz mehr ein. Also weg damit. :-)


Dann kam der Samstag. Ich hatte den Vormittag anders geplant. Aber wieder einmal tauchte ich aus der Meditation auf und mein Blick fiel auf etwas und die Frage stieg in mir auf: „Kann das nicht eigentlich auch weg?“


In diesem Falle handelte es sich um einen Ordner. Beschriftet mit: Fantasy, inkl. RenHen Essays.


Es war einer meiner Studienordner; die habe ich alle schon einmal – oder auch zweimal … – durchsortiert und eine Menge entsorgt. Aber manche Dinge habe ich eben doch auch aufgehoben. Wie diese Essays. Ich habe sie vor zwölf Jahren entdeckt und intensiv genutzt und aus ihnen zitiert, als ich meine Magisterarbeit geschrieben habe. Auch sonst habe ich sie gerne gelesen, einfach so. Deshalb habe ich sie aufgehoben.


Ich nahm also jetzt den Ordner aus dem Regal und blätterte ihn durch. Vorne hingen ein paar Zeitungsausschnitte über Bücher oder mit Autoreninterviews, es folgten zwei Essays über New Zealand Gothic und dann der dicke Packen RedHen Essays.


Dem Impuls des Gefühls folgend holte ich den Packen Essays aus dem Ordner. Kann weg. Dann durchzuckte mich die Angst. Was, wenn ich die Essays alle wegwerfe und sie dann im Internet nicht wiederfinde? Was, wenn ich sie doch noch mal lesen möchte und sie sind komplett weg?? Mein Herz schlug ziemlich stark und meine Brust fühlte sich eng an.

Der Gedanke schoss mir durch den Kopf: „Ich lege sie wieder zurück und schaue im Internet nach, ob sie noch online sind und wenn ja, kann ich die Ausdrucke wegwerfen.“


Die Angst, der Verstand, waren erleichtert. Das Gefühl protestierte. Das fühlte sich unehrlich an! Das war feige.


Whupps, das hörte der Verstand nicht gerne. Aber mir des Gefühls bewusst zu sein half, mich nicht in mentale Diskussionen verstricken zu lassen. Und wie war das noch bei Marie Kondo? Eben. Also hielt ich den Packen Papier in den Händen, atmete mehrmals tief durch und fühlte in mich hinein, wie es denn wäre, wenn ich diese Essays nie wieder würde lesen können.


Es war eine Befreiung.


Keine weiteren Diskussionen. Sie sind jetzt Schmierpapier.


Und weil es so schön war, habe ich mich gleich dem Rest des Ordners gewidmet und um es vorweg zu nehmen: Er ist jetzt leer. Ja, auch die beiden Essays zum Thema New Zealand Gothic sind im Altpapier gelandet. Es war interessant, sie in der Hand zu halten und zu beobachten, was in mir passierte. Kurz zuckte der Gedanke auf: „Vielleicht will ich ja doch eines Tages meine Doktorarbeit schreiben, dann brauche ich sie.“


Bei der bloßen Vorstellung davon, in die akademische Welt zurückzukehren, wurde mir schon ganz anders. Nein, nein, das mache ich nicht mehr mit.


Mit diesem Gedanken kam die Erkenntnis: Ich lasse hier Identität los, die der Studentin und die der Wissenschaftlerin. Darum geht es, mit diesen Essays.


Ich habe sie losgelassen.


Die Essays und auch die Identität. :-)


Ziemlich umfassend: Ich habe den kompletten Ordner mit den Studienunterlagen, Mitschriften und Papers aus meinem Auslandsjahr in Neuseeland geleert. Nichts davon ist übrig, selbst die Unterlagen aus dem Kurs „Introduction to traditional and contemporary Maori society“ sind weg. Sollte ich jemals doch Te Reo lernen wollen, organisiere ich mir einen guten Sprachkurs.


Vom einen Neuseelandordner zum anderen war es nicht weit und 90% des Ordners „Touristik“ wanderten ins Altpapier.


Und wo wir beim Studium waren: Mitschriften und dergleichen vom Studium an der deutschen Uni habe ich schon vor Jahren entrümpelt. Nur die Introduction to Linguistics und meine Hausarbeiten aus dem Hauptstudium hatte ich aufbewahrt. Jetzt sind die auch weg.

Von dort aus war es dann nur noch ein kurzer Schritt zum Order mit den Zeugnissen: Mein Studienbuch fand den Weg ins Nirwana und auch alte Transkripts sind weg. Oh, ja, und die Empfehlungsschreiben für das PhD Stipendium auch. Mein Zwischenprüfungszeugnis habe ich ebenfalls entrümpelt.


Huh, ich fühle mich gleich leichter.


Weiter im Text!


Ich bin den gesamten Ordner „Zeugnisse“ durchgegangen, habe Kopien alter Lebensläufe entsorgt und dergleichen. Dann kam ich zu den Schulzeugnissen und Urkunden aus Grundschulzeiten.


Ja, die sind auch weg.


Nein, das war nicht einfach.


Das Gefühl war klar, dass es Zeit ist, sie loszulassen, diese alte Identität loszulassen. Und gleichzeitig war da in mir das Gefühl des Kindes, das wie vor Schmerz aufschrie, weil es auch zerrissen werden sollte.


Also habe ich erst mal Urkunden von Bundesjugendspielen zerrissen. Das war leichter. Bundesjugendspiele waren eh immer doof. Das Zeugnis der musikalischen Früherziehung, das war schon schwieriger. Aber andererseits … ich sehe diese Dinge immer nur dann, wenn ich den Ordner entrümpele. 99,99% der Zeit habe ich auch kein Interesse daran. Und das 0,01%? Das ist Festhalten an der Identität.


Ich habe es in der Hand gehalten, in mich hineingespürt – und es zerrissen.


Als nächstes war das Gutachten dran, mit dem meine Eignung für das Gymnasium bestätigt wurde. Futz und weg. Die Zeugnisse selber – das ging nicht. Noch nicht.


Also habe ich mich erst mal den Zeugnissen vom Gymnasium selber gewidmet und fröhlich alles zerfetzt bis auf mein Abizeugnis. Yeah, das fühlte sich gut an! Konfetti! Wahoooo!


(Abizeugnis kann auch weg, oder? Ich meine, wen interessiert's noch? … Nee, es ist dann doch im Ordner geblieben, das war mir eine Nummer zu groß.)


Und weil sich das so gut angefühlt hat, habe ich mir meine Grundschulzeugnisse wieder genommen. Habe sie in der Hand gehalten. Habe mein Herz hämmern gespürt und die Angst und Verlassenheit des Kindes. Habe nachgespürt, was es bedeutet, sie loszulassen, sie zu zerreißen und wegzuwerfen. Habe dem Kind gesagt, dass es jetzt okay ist, es muss nicht bleiben. Es darf spielen gehen.


Und habe die Zeugnisse zerrissen.


Es fühlte sich gut an, richtig, in dem Moment. Jetzt, wo ich das aufschreibe, kann ich merken, dass etwas fehlt. Ein Teil des Bodens unter meinen Füßen ist weg. Mir stehen die Tränen in den Augen und mein Bauch ist verkrampft.


Musste ich das tun? Ist das Teil des Entrümpelns, wie man es richtig macht?


Nein und nein.


Es ist mein Weg. Mein ganz eigener Weg. Und auch wenn ich spüre, dass der Boden unter meinen Füßen kleiner geworden ist, nicht mehr so gut trägt wie vorher – ich bin leichter, und meine Flügel können mich besser tragen.


Und das ist es mehr als wert.


In diesem Sinne:

Ein großer Papierstapel und fünf leere Ordner. (Und Platz im Regal!)


Neue Wege, die sich vor mir und in mir auftun, und Identitäten, die sich auflösen.


Purge, baby.




P.S. Äh, ja, mit den Zeugnissen habe ich mich mal wieder nicht so ganz an die Reihenfolge von Marie Kondo gehalten. Ich glaube, eigentlich laufen die unter „Erinnerungsstücke“. Zumindest die ganz alten Zeugnisse. Andererseits, sie sind aus Papier. Papier kommt jetzt weg.


P.P.S Wobei ich bei den Büchern vermutlich eine zweite Runde brauchen werde, wenn ich bei den Erinnerungsstücken angekommen bin. Da fällt mir das Loslassen doch sehr viel schwerer ...

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