The Purge, Woche 12

Nachdem die Woche 11 so positiv geendet hat, gehe ich voller Schwung in Woche 12. Häufchen reduzieren ist die Devise. Das tue ich auch - das und noch sehr viel mehr. :-)


Am Montag fällt mein Blick auf meine easy access Elektrokiste. Es ist eine einfache Pappkiste, mit rotem Stoff bezogen. Ich habe sie 2014 aus Neuseeland mitgebracht. Der Stoff ist inzwischen sehr morsch und bröselt jedes Mal, wenn ich die Kiste anfasse. So lange ich vorsichtig bin, geht es. Aber andererseits, prickelnd ist es auch nicht, jedes Mal roten Staub an den Fingern zu haben, wenn ich das Ladegerät für den Kameraakku brauche.


Warum die Kiste noch da war? Naja, irgendwo musste ich den Elektrokram ja parken. Darum.


An diesem Montag zündet beim Anblick der Kiste jedoch eine Idee. Das Resultat ist, dass der komplette Inhalt auf zwei andere Kisten aufgeteilt wird und die rote-Staub-Box somit leer ist. Die leere Kiste wandert dann direkt in den Müll.


Okay, ich rupfe den Stoff komplett ab und der landet in der Restmülltonne, die Pappe selber kommt korrekt ins Altpapier.


Es war interessant, mich dabei zu beobachten. Immerhin kam diese Kiste aus Neuseeland mit mir nach Deutschland und in der Vergangenheit habe ich alles festgehalten, was mit NZ zu tun hatte. Die Kiste zu entsorgen fiel jedoch ungemein leicht - da war keine Sentimentalität mehr, kein "aber Neuseeland!" Gefühl. Nur Erleichterung, dass dieses Bröselding nun weg ist. Und das kleine Einbauregal in meinem Wohnzimmer sieht so auch viel besser aus. Es ist Platz zum Atmen darin.


So fängt die Woche doch sehr gut an.


Dienstag setzt den Trend fort: Den Morgen verbringe ich damit, mich durch diversen Kleimkram zu sortieren. Es ist ungeplant, spontan, ähnlich wie die Kiste gestern. Mir fällt etwas ins Auge, ich folge dem Impuls und sortiere mich stillvergnügt durch diverse Krimskrams- und Dekorationskisten. Es ist fast wie eine Meditation - ich bin ganz im Jetzt und mein Inneres ist still. Ich handele, ohne mich durch den Verstand zu filtern. Ein ganz fantastisches Gefühl.


Später am Tag deponiere ich auf dem Weg zum Einkaufen das nächste Bücherhäufchen im Offenen Bücherschrank. Alle Bücher, die ich letzte Woche hier eingestellt habe, sind weg. Auch das freut mich.


Am Mittwoch fällt mir ein, dass ich ja mal einen Plan für das Entrümpelungsprojekt hatte. Ganz am Anfang, da war mal eine Reihenfolge. Hehe. Ups? ... Hm, wie ging das noch gleich weiter? Waren die Accessoires das nächste?


Egal, ich sortiere mich durch meine Schmuckkiste - Ketten, Ohrringe, Armbänder. Vieles davon wird direkt aussortiert. Ich habe so viele Ketten und dabei trage ich so gut wie nie welche. Ohrringe, ja. Da kann ich fast nicht genug haben. Die trage ich gerne und fröhlich gemischt. Ketten? Nein, also, ich bin kein Fan davon, etwas um den Hals baumeln zu haben. Außerdem bleibt man mit den Dingern ständig irgendwo hängen oder sie hängen in etwas rein. Warum dann also nicht ... den ganzen Kram tatsächlich aussortieren?


Für einen Moment komme ich da ins Stocken. Irgendwie scheine ich tief in mir eine Überzeugung zu tragen, dass man - oder vielleicht eher frau in diesem Falle? - Schmuck zu besitzen hat. Interesant.


Auch meldet sich ein leises Stimmchen in mir, das mir zuflüstert: "Aber was, wenn du die alle weggibst und dann brauchst du mal eine? Was, wenn du mal für dein Outfit eine brauchst?"


Auch das interessant. Wieso "muss" ich eine Kette tragen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich es nie tue - wer sagt das? Wer hat verordnet, dass ich zu einem bestimmten Outfit eine Kette tragen muss? Hm?


Und überhaupt - ich kann mich spontan an mehrere Ereignisse in der Vergangenheit erinnern, wo ich zum Outfit eben keine Kette getragen habe. Obwohl eine gepasst hätte. Obwohl es vermutlich besser ausgesehen hätte. Und ich darauf angesprochen wurde (Warum trägst du keine Kette? Dein Hals sieht so nackt aus). Ich bin aber in keinem dieser Fälle vorher auch nur auf die Idee gekommen, eine Kette zu tragen. Es war schlicht nicht auf meinem Radarschirm.


Also die Frage, liebe kleine Stimme: Wenn ich nie auch nur daran denke, mal eine davon anzuziehen - warum brauche ich dann ein gutes Dutzend???


Eben.


So werden Ketten aussortiert. Die Silberketten lege ich beiseite; mal sehen, ob ich sie verkaufen kann. Der Modeschmuck kommt in die Sammelkiste für den AWO Laden.


Gleiches gilt für Armbänder. Da das alles Modeschmuck ist: direkt in Sammelkiste. Vielleicht können die AWOs mit den Dingern etwas anfangen. Ich mag sie nicht mehr lagern.


Schön, so viel Platz im Schmuckkästchen zu haben.


Ja, und dann fällt auf dem Rückweg von der Sammelkiste im Flur ins Schlafzimmer mein Blick auf den Nachttisch - ein kleines Schränkchen mit zwei Schubladen. Irgendetwas daran weckt meine Aufmerksamkeit und im nächsten Moment hocke ich davor und gucke in die Schubladen rein. Oh, schau, die unterste habe ich schon mal durchsortiert. Hm, da muss ich aber später noch mal drauf zurückkommen, das ist noch nicht so ganz ... richtig. Hm. Dann die oberste Schublade, da sind ja doch eh nur Sachen drin, die ich brauche ...


Dachte ich. Aber dann öffne ich die Schublade. Und sehe zum gefühlt ersten Mal wirklich bewusst, was sich darin befindet.


Faszinierend, wie man Dinge fast täglich angucken kann, ohne sie zu sehen. Und dann, eines Tages: klick. Man sieht sie.


Ich sehe jetzt in diese Schublade. Und fühle eine ganze Menge Energie in mir aufwallen. Uuuuh, da muss dringend durchsortiert werden!


Also nehme ich Platz und tue das. Kann weg, kann weg, brauche ich nicht mehr. Altes Notizbuch? Hm, nein, Mülleimer. Das Tagebuch? Weist den letzten Eintrag im August 2016 auf.


Sehr, sehr interessant, das. Im September 2016 habe ich den ersten Openhand Kurs gemacht. Seitdem habe ich kein Tagebuch mehr geschrieben. Noch interessanter: Das Ende des letzten Eintrages. Da spreche ich davon, ein altes Leben hinter mir zu lassen und ein neues zu beginnen. Wie Recht ich damit doch hatte! Und das letzte Wort, unten unter der letzten Linie noch auf die Seite gequetscht? "Goodbye :-)"


Mir einem Gefühl der Finalität schließe ich das Tagebuch. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder hier etwas hineinschreiben werde. Und es passt. Es passt wirklich.


Das Tagebuch wandert also aus dem Nachttisch in die Schatztruhe. Und auch diese zu öffnen ist eine Erfahrung - so vieles davon, das sich darin befindet, bin nicht mehr ich! Ich bin leise erstaunt. Nicht so sehr, dass das nicht mehr Ich ist. Sondern wie sehr es nicht mehr Ich ist.


Wow.


Das kann alles weg.


Und das fühlt sich sehr gut an.


Wow.


Das, glaube ich, braucht noch eine Zeit, um wirklich zu sacken, um ganz anzukommen. Gleichzeitig war das eine unglaubliche Erfahrung - nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren, wie sehr ich mich verändert habe. Wie weit ich gekommen bin.


I am very pleased. :-)


Nach drei so erfolgreichen Tagen scharre ich am Donnerstagmorgen dann förmlich mit den Hufen. Was ist heute dran? Mein Blick fällt auf einen mit Geschenkpapier bezogenen Schuhkarton, in dem ich Kassetten aufbewahre.


Ja, ich habe tatsächlich noch Kassetten. Ja, ich höre sie teilweise auch noch. Ja, meine Anlage hat noch einen Kassettenspieler.


Trotzdem, da sind bestimmt Dinger bei, die weg können.


Ich nehme mir also den Karton vor und ähnlich wie beim Nachttisch gestern sehe ich zum ersten Mal wirklich bewusst, was ich da so alles drin habe. Oh, wow, das sind einige richtig alte Schätzchen bei! Meine erste eigene "Aufnahmekassette", mit der ich Lieder aus dem Radio aufgenommen habe. Meine Güte, die ist bestimmt 30 Jahre alt. Läuft die überhaupt noch? Und da! Noch älter! "TaoTao" steht auf der Kassette, daran erinnere ich mich nicht einmal mehr. Ich glaube, das war ein Hörspiel? Oder so? Jedenfalls etwas, das meine Eltern für mich aufgenommen haben, als ich noch winzig war. Ich erinnere mich vage, dass ich es geliebt habe. Aber - Gott, wie lange schon nicht mehr gehört? 35 Jahre?


Und, ähm - hört heute noch jemand David Hasselhof?? :D


Ja, da wandern einige von auf direktem Wege in den Mülleimer. Ich glaube auch, dass vom Rest, der jetzt verbleibt, auch noch mal gut die Hälfte weg kann. Mal sehen, ich gebe mir jetzt die Chance, die Kassetten noch mal zu hören. Tue ich das nicht? Dann kommen sie spätestens Ende des Jahres auch weg. Alle.


Ich fühle mich unglaublich beschwingt und mindestens ein Kilo leichter.


Freitag. Freitag passiert noch mal richtig etwas.


Zum einen wandere ich samt meiner Silberketten zum Ladenlokal der Goldgräber. Die sind nämlich heute da! Ich hatte das Schild letzte Woche schon gesehen, das passt also ganz gut. Ich kippe dem Herrn die Ketten auf den Tisch, er sortiert sie durch, wiegt sie ab, tippt auf seinem Taschenrechner herum und murmelt vor sich hin. "Hm, tja, Silber, mal angenommen es ist alles Sterlingsilber, hm, das sind so und so viel Gramm Silber, hm, das macht ... ja, also, das bekomme ich, hmm ... tja, also, was kann ich Ihnen dafür geben? 25 Euro?"


Er klingt fast schon entschuldigend. Da ich aber mit maximal der Hälfte gerechnet habe, nehme ich das Angebot dankend an und kehre um die Ketten leichter und um 25 Euro reicher nach Hause zurück. Yay!


Ja, okay, vielleicht sind 25 Euro nicht viel Geld für ein halbes Dutzend Ketten. Andererseits: Das sind vier Becher von meinem Lieblingseis Nomoo, die ich dafür bekomme! Also, ich finde: ein gutes Geschäft.


Zum großen Finale kommt dann am Freitagabend ein netter Herr samt Tochter und holt das zum Verkauf stehende Billyregal ab. Hurra, es ist weg! Und - da ist Platz!


Ja, also. Da ist. Platz.


Platz.


Raum.


Also, irgendwie finde ich diese weiße Fläche toll. Meine Idee war ja, die beiden verbleibenden Regale zusammen zu schieben. Aber irgendwie ... Nein, also, ich mag es so. Ich mag diese Lücke, diese Offenheit. Diesen Raum. Ich mag diese weiße Wand. Auf dem Sofa zu sitzen und sie anzusehen - ich hätte nie gedacht, dass einen eine weiße Wand so glücklich machen kann. Ja, wirklich, es ist eine Art Glücksgefühl.


Alles klar. Das bleibt so, wie es ist. Zumindest für den Moment.


Wer weiß, vielleicht befinde ich in ein paar Wochen oder so, dass das stört und geändert werden muss. Oder vielleicht komme ich auch auf die Idee, die beiden Regale ganz woanders hinzustellen. Ich hätte da eine Idee ...


Für den Augenblick aber entscheide ich mich für das Glücksgefühl und den neu entstandenen Raum.


Okay. Was räume ich als nächstes auf?

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