The Purge, Woche 1 1/2

Huuu, das geht schon richtig gut los mit dem Projekt. Damit meine ich nicht so sehr die Mengen, die entrümpelt wurden. Sondern was ich da aussortiert - und auch bereits final entsorgt!! - habe. Scheinbar harmlose Gegenstände: ein Stapel Zeitschriften und Postkarten, ein Haufen Kabel und diverse defekte Kleinelektronik. Aber natürlich waren sie nicht nur das, es steckte sehr viel mehr in ihnen, sonst wären diese Dinge nicht noch immer da gewesen. Nur hätte ich es nie für möglich gehalten, das, was dahinter steht, eines Tages doch loszulassen …



Die ersten Tage - 01.-05.07.


Ausgelöst wurde der Wunsch, The Purge neu zu starten, durch einen Sammelordner für Zeitschriften. Eines Morgens, nachdem ich meine Meditation beendet hatte, fiel mein Blick darauf, und wie ich so da saß und ihn ansah, stieg in mir, ganz leicht und leise, die Frage auf: Kann das nicht auch weg? Die Antwort kam ähnlich leicht und mehr aus dem Gefühl als aus dem Verstand: Ja, das kann losgelassen werden.


Was mich dann so beflügelt hat, dass ich mich direkt auf den Ordner bzw. seinen Inhalt gestürzt habe: ein Stapel Zeitschriften über Neuseeland.


Jetzt muss ich an dieser Stelle vorweg erklären, was Neuseeland für mich bedeutet. Es ist nicht nur Sehnsuchtsland und Wunschdestination für einen Urlaub. Ich bin bisher drei Mal dagewesen, zwei Mal für ein ganzes Jahr. Und wenn INZ mitgespielt hätte, wäre ich auch gleich dageblieben. Neuseeland (und besonders Wellington) ist der einzige Ort, an dem ich je gewesen bin, der sich für mich wie „Zuhause“ angefühlt hat. Dieses Land ist Herzensheimat und dort zu leben bedeutet Freiheit für mich, Freiheit und sicher angekommen sein.


Das ist kein Gefühl, das man so leicht loslässt.


Aber ein Gefühl, das ich nach meiner ersten Rückkehr im Jahr 2008 versucht habe, mir durch das ansammeln von Zeitschriften und Büchern etc. über Neuseeland zu bewahren. Wobei es mir weniger um das Anhäufen von Dingen ging, sondern ganz bewusst um das „in Resonanz gehen“. Die Bilder zu sehen, die Gefühle zu fühlen und durch das Neuseelandgefühl in mir vielleicht doch, irgendwie, eines Tages, meine erfolgreiche Auswanderung in dieses Land zu manifestieren.


Wie gesagt, das ist nichts, das man so leicht loslässt.


Weshalb ich eben auch diesen Sammelordner besaß. Gepropft voll mit Ausgaben der 360° Neuseeland, verschiedenen GEO Magazine und diversen anderen Zeitschriften mit Artikeln über das Land der langen weißen Wolke.


Du kannst dir also sicher vorstellen, wie sehr mich der Gedanke, dass ich diese Zeitschriften nun doch loslassen kann, überrascht hat.


Wobei ich das an dem Samstag gar nicht so überdacht und reflektiert habe. Da waren mehr das Gefühl von Freude und Abenteuer und Aufbruch. Und diese Gefühle waren so positiv und leicht, dass ich den Ordner aus dem Regal genommen, seinen Inhalt auf dem Boden verstreut und ihn durchgesehen habe.


Es war eine sehr interessante Erfahrung. Das jüngste Heft war von 2016. Das älteste von 1991. Die meisten stammten aus den Jahren 2010 – 2012. Alles also nicht mehr so ganz topaktuell. Und viel interessanter noch: Ich habe keine dieser Zeitschriften jemals aus dem Ordner herausgeholt und ein zweites Mal gelesen. Jepp, einige dieser Zeitschriften besaß ich seit zehn Jahren. Ungesehen, ungelesen, unbeachtet. Hmmm.


Warum seit 2016 keine neuen dazugekommen sind? Rückblickend ist mir sehr klar, warum: Im Jahr 2016 habe ich Openhand entdeckt, habe im September 2016 mein erstes Retreat mitgemacht. In andern Worten, mein Fokus hat sich mehr und mehr nach innen gerichtet. Auf die innere Reise. Damit haben sich auch Prioritäten verschoben. Mir wurde mehr und mehr bewusst, wofür Neuseeland für mich steht – eben jenes Gefühl der Freiheit, der Sicherheit, von Zuhause und gleichzeitig von Abenteuer. Und mir wurde mehr und mehr bewusst, dass ich diese Gefühle alle in mir trage. Immer. Sie sind nicht abhängig davon, wo ich bin. Sondern davon, wie ich bin.


Zuhause ist im Innern. Freiheit und Sicherheit sind im Innern. Das wird für mich immer klarer. Womit ich meine, dass ich diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand erfasse, sondern diese Wahrheit fühle.


Und deshalb kann ich jetzt loslassen.


Will sagen: Ich habe alle Zeitschriften aussortiert.


Ein paar davon konnte ich bei momox verkaufen. Die meisten nicht. Ich habe die jüngeren Zeitschriften, überwiegend GEOs, im nächsten Bücherschrank in die Freiheit entlassen. Was aber tun mit den zehn Jahre alten 360° Neuseelands? Auch in den Bücherschrank? Aber sie sind zehn Jahre alt, die Artikel veraltet, wer liest so etwas noch? Außer Sammlern, wie ich es war. Will ich das Horten in anderen Menschen begünstigen? Auch nicht. Einfach ins Altpapier? Widerstand. Wer die Zeitschriften der 360° Reihe kennt weiß, dass die Hefte von sehr guter Qualität sind. Dickes Papier, Glanzlack … und das einfach in die Tonne?


Während ich so da saß und überlegte, was ich tun möchte, fiel mein Blick auf mein gerade fertiggestelltes Visionboard. Und die Idee zündete: Alle Zeitschriften durchblättern und die Fotos auf mich wirken lassen. Die Bilder, die mich ansprechen, für die Gestaltung künftiger Visionboards behalten, den Rest in die Tonne. Das fühlte sich für mich stimmig an.


Gedacht, getan.


Ja, ich habe diese Bilder auch wirklich nicht nur herausgerissen, sondern auch entsprechend ausgeschnitten. Der fotografische Beweis:


Letztendlich habe ich auf diese Weise aber nicht nur entrümpelt. Ich habe die Essenz dessen, was die Zeitschriften für mich waren, behalten für zukünftige Visionen. Alles, was ich nicht mehr brauchte, das ganze, für mich unnütze Drumherum – habe ich losgelassen.

Wow. Was für ein Startschuss. Nicht nur, dass das, was den Auslöser für die Entrümpelungsaktion gegeben hat, etwas war, von dem ich immer gedacht habe, dass ich es nie würde loslassen können. Dieser erste Akt im Projekt ist gleichzeitig auch exemplarisch für das, was ich mit der Aktion insgesamt erreichen möchte, was ich spüre, was mein nächster Schritt auf der Reise ist: die Reduzierung auf das Essentielle. Breaking myself down to essentials.


Wow.



Woche 1 – 06.-12.07.


Nach so einem Anfang ist natürlich die Motivation hoch, gleich weiter zu machen. Und der Montag fing auch an mit dem Bedürfnis, weiter zu entrümpeln. Allerdings wies das Gefühl mich in die Richtung der Holzkiste, in der ich Kabel und allerlei Elektronisches aufbewahre.


Moment mal. Die Reihenfolge sieht doch vor, dass ich mich erst durch Papierkram – Bücher, Zeitschriften, sonstiges Papier – arbeite. Elektronisches kommt erst später. Und hatte ich nicht wunderbar intuitiv mit Papierkram angefangen? Ist das nicht ein gutes Zeichen dafür, dass diese Reihenfolge funktionieren wird? Und mir eine gute Richtlinie bietet, an der ich mich entlanghangeln kann, damit ich nicht ziellos herumlaufe und hier und da etwas entrümpele?


War dem Gefühl alles egal. Das Gefühl sagte: Kabelkiste. Na gut. Dann mache ich eben Kabelkiste.


Diese Kabelkiste machte ihrem Namen alle Ehre: Sie war voller Kabel. SCART, USB, LAN, WTF, IDK … keine Ahnung, wo die alle herkamen. Oder wozu die gehören. Klarer Fall von: weg damit! Dann entdeckte ich noch meinen ganz alten, analogen Fotoapparat. Oh, guck mal! Tut der es noch? Da ist ja sogar noch ein Film drin!


Er tut es noch. Ob es auf ebay wohl Interesse dafür gibt?


Beim Anblick des Fotoapparats fiel mir direkt meine alte Digitalkamera ein, die in einer anderen Kiste steckt, weil ich an die leichter drankomme. Die Kamera ist ziemlich in die Jahre gekommen und hat Macken entwickelt. Außerdem habe ich mir letztes Jahr eine sehr gute neue Kamera gekauft. Wieso habe ich die alte noch? Ah, weil ich noch nicht zum Kleinelektro-Mobil gekommen bin, um sie dort abzugeben.


A propos, dachte ich, während ich den Stapel betrachtete. Ich muss mal schauen, wann das Kleinelektro-Mobil das nächste Mal hier unten in der Stadt ist. Ein Blick in den Kalender sagte mir: morgen.


Na, wenn das nicht mal genau passt! Hat das Gefühl recht gehabt mit: Heute ist Kabelkiste dran.


Am Dienstag bin ich dann tatsächlich losgezogen. Mit allen Kabeln – im Keller hatte ich noch mehr davon; vermehren die sich, wenn keiner hinguckt? - der Kamera, einer defekten Wanduhr und einem alten Router. Und – meinem alten eReader. Ich war schon fast zur Türe raus, da fiel er mir noch ein. Halt, Moment, das Ding geht doch auch nicht mehr und steht seit Jahren rum. Ja, es hing noch ein wenig Nostalgie daran – mein erster eReader, vom ersten Gehalt im ersten Job nach dem Studium gekauft … aber der Akku war hinüber, auswechseln kann man ihn nicht, also weg mit dem eReader.


Beim Kleinelektro-Mobil habe ich meine gesammelten Werke in die graue Sammelkiste gekippt, habe dem Herrn dort freundlich gedankt und bin gegangen.


Fünf Schritte später durchzuckte mich plötzlich ein panisches Gefühl. OH NO BABY!


Der eReader war weg. Er … war weg! Einfach so! Abgegeben!


Für einen Moment fühlte es sich wirklich so an, als hätte ich mein Baby ausgesetzt.


Also habe ich den Heimweg genutzt, mir diese Reaktion genauer anzusehen. (Keine Sorge: Ich war zu Fuß unterwegs.) Und mir ging auf, dass an dem Reader nicht nur Nostalgie gehangen hat. Sondern auch – wieder einmal – Neuseeland. Ich hatte ihn damals, 2013/2014, mit, aber die Stromspannung in NZ ist anders als in Deutschland. Nach einem Jahr hat das dem Akku dann so zu schaffen gemacht, dass er den Wechsel auf die deutsche Stromspannung nicht mehr verkraftet hat und sich beim Hochfahren komplett und final aufgehängt hat.


Ja, wer aufpasst, hat gesehen, dass ich diesen defekten eReader fast sechs Jahre lang im Regal stehen hatte. Ich habe nie weiter darüber nachgedacht, warum ich ihn behalten habe. Über die Nostalgie hinaus, meine ich, und die Tatsache, dass ich an dem guten Stück wirklich gehangen habe. Als Leseratte plötzlich bis zu 300 Bücher in einem einzigen Gerät in der Tasche zu haben … all meine Fanfiction nicht mehr am Rechner sitzend, sondern gemütlich im Bett liegend lesen zu können … Freiheit. (Da haben wir sie wieder.)


Dass ich ihn so mit Neuseeland assoziiert hatte … das war mir bis zu dem Moment nicht bewusst gewesen. Aber jetzt ist mir klar, warum ich ihn so lange behalten habe.


Gleiches gilt übrigens auch für die Digitalkamera. Ich habe sie Weihnachten 2006 geschenkt bekommen, für meinen ersten, einjährigen Neuseelandaufenthalt 2007. Und 2017 hatte ich sie wieder mit im Gepäck, als ich mit der Freundin, mit der ich damals studiert habe, zu unserem zehnjährigen Jubiläumsbesuch dort war. Da hatte die Kamera schon den ein oder anderen Aussetzer, im nächsten Jahr gab sie dann so ziemlich den Geist auf. Aber es war eben die „Neuseelandkamera“. Und wie oben gesagt – ich habe alles, was mit Neuseeland zu tun hatte, festgehalten, halb unbewusst, in dem Wunsch, es möge helfen, den Traum vom dort leben zu erfüllen.


Was, wenn man genau drüber nachdenkt, eher kontrakproduktiv ist. Ich meine, eReader und Kamera waren defekt. Wie kann etwas, das nicht mehr funktioniert, dabei helfen, etwas funktionieren zu lassen? Eben.


Aber deshalb musste es 2020 werden, musste ich auf meinem inneren Weg so weit gekommen sein, bevor ich sie loslassen konnte.


Bevor ich Neuseeland loslassen konnte.


(An dieser Stelle möchte ich aktenkundig machen, dass es mich überhaupt nicht überraschen würde, wenn mir Ende diesen/Anfang nächsten Jahres die Möglichkeit geboten würde, dauerhaft nach Neuseeland auszuwandern...)


Das Thema „ich lasse Neuseeland los“ setzte sich im Lauf der Woche übrigens fort: Am Donnerstag war ich wieder beim Papierkram angekommen und habe einen dicken Stapel Postkarten – aus vier Jahren Neuseelandpostkartenkalender – dem Altpapier geschenkt.


Dem folgten dann gefühlte zwölf Jahre Kontoauszüge, inklusive aller Kreditkartenabrechnungen von 2007. Ich sag ja: Ich habe alles festgehalten.


Und weil ich schon gerade in der Ecke „Schreibtisch“ unterwegs war, habe ich auch gleich noch drei Dutzend StabiloPoints durchprobiert, welche davon noch schreiben, und mindestens eines entsorgt. Wieso habe ich überhaupt so viele von den Dingern?


Das Wochenende war ich dann übrigens mit einer anderen, sehr lieben Freundin wandern. Bewegung, körperliche Anstrengung und das viele, wunderschöne Grün des Waldes waren der perfekte Ausgleich zu der intensiven, inneren Arbeit der Woche.


Fazit: Ein gelungener Start ins Projekt und ich bin mal sehr gespannt, wo ich Neuseeland sonst noch unerwarteterweise finde

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