Conscious Clutter Clearing in der Praxis - Das Beispiel mit dem Ordner aus dem Studium

Weil Beispiele immer gut sind, hier noch eines aus der "Praxis". Dieses hat (noch) kein Happy End, demonstriert aber meiner Ansicht nach sehr schön Stolperstein Nummer 3: Den einen Gegenstand, den man irgendwie nicht loslassen kann. Obwohl er stört. Und Platz wegnimmt. Und man ihn eigentlich wirklich loswerden will. Warum ist das dumme Ding noch da???


Jessica und ich treffen uns im Café. Inzwischen steht mein Konzept für das Bewusste Entrümpeln, die Webseite ist online und ich erzähle immer wieder gerne von dem, was ich so mache. Jessica hört mit einem leisen Lächeln im Gesicht zu - ein Lächeln das mir deutlich macht, dass sie mit den Anfängen so gar nichts anfangen kann. Nun ist sie eine wahre Veteranin, was das Entrümpeln angeht: Seit über zehn Jahren gehört es zu ihrem Frühjahresputz, ihren Besitz durchzugehen und auszusortieren, was weg kann. Die Vorbereitung und der Anfang sind also Phasen, die sie aus dem Effeff beherrscht.


Dann erwähne ich den Stolperstein Nummer 3 - den einen Gegenstand, den man nicht loslassen kann. Und plötzlich ist alles anders.


"Ja, genau, das kenne ich!" Sie richtet sich auf, lehnt sich vor. Mit einem Mal ist sie ganz da. "Ich habe da noch so einen Ordner aus dem Studium, mussten wir alle für ein Seminar in Politikwissenschaft kopieren. Wollte der Prof so. Wir mussten 50 Euro bezahlen, ganz schön teuer, dann haben wir alle einen bekommen und sollten ihn lesen. Typisch. Da hat man doch keine Zeit für. Aber kann ich ja machen, wenn ich fertig bin und Zeit dafür habe!"


Sie lacht, verzieht das Gesicht. Ach ja, all die Bücher, die wir lesen wollten, nachdem wir mit dem Studium fertig sind und nicht mehr von Hausarbeit zu Referat gehetzt werden...


"Und jetzt steht er rum und nimmt sooo viel Platz im Regal weg", fährt sie fort, "und ich hab doch eh so wenig Platz. Eigentlich muss der weg, ich brauche den Platz für Bücher. Aber, naja. Er war halt teuer."


Wieder verzieht sie das Gesicht, grinst. Sie weiß, was die Ausrede wert ist.


"Was ja Quatsch ist", sagt sie dann auch. "Teuer hin oder her. Weg muss er. Ich hab ihn auch jedes Mal wieder in der Hand, wenn ich entrümpele und sage mir: Diesmal kommt er weg! Aber dann nehme ich ihn aus dem Regal und mache ihn auf - weil, ich muss die Blätter da ja rausholen, um die ins Altpapier zu tun - und dann fange ich an zu lesen und ..." Sie grinst wieder, zuckt die Schultern. "Es ist ja auch ein total spannendes Thema, im Grunde. Journalismus in der Politik. Und sehr gut aufbereitet, man kann prima nachschlagen - nicht, dass ich das je getan habe, aber vielleicht doch mal eines Tages. Ja, ich weiß, eines Tages kommt nie, aber es sind so nützliche Informationen! Und so viel Wissen! In so klar dargelegter und übersichtlicher Form, gut zusammengetragen."


Etwas in der Art, wie sie diese letzten Sätze sagt, lässt mich hellhörig werden. "Spiking words" nennen wir das in der Arbeit als Facilitator, also Worte, die energetisch geladen sind und die in unserem Bewusstsein wie das Ausschlagen eines Seismographen fungieren. "Nützliche Informationen" ist das erste und dann, viel stärker: "Wissen". Im nächsten Moment mir ist klar, was das Problem ist, wo es hängt, warum der Ordner noch da ist und ich spiele Jessica die Worte zurück: "Es ist die Vernichtung von Wissen; da hängt es."


Dass ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe, sehe ich in der nächsten Sekunde in Jessicas Augen. Es ist, als ob ein anderes, tieferes Bewusstsein mich ansieht und "Danke" sagt. Dafür, dass ich die Worte ausgesprochen habe, dass ich den Grund für die Blockade bewusst gemacht habe.


"Ja, genau!", nickt Jessica dann auch nahezu ungewohnt emphatisch, "genau das ist es! Vernichtung von Wissen und es ist so nützliches Wissen und das kann man doch nicht einfach wegschmeißen!"


Einen Moment lang zögere ich - gehe ich weiter? Lasse ich unser Gespräch zu einer spontanen Session werden?


Nun ist ein lautes, gut gefülltes Café nicht wirklich der richtige Ort für eine Session. Schon gar nicht für eine Session die, so mein Gefühl, so tief gehen wird. Außerdem kenne ich Jessica lange und gut genug um zu wissen, dass es ihr nicht leicht fallen würde, sich auf weitere Arbeit einzulassen - und in diesem Umfeld schon mal gar nicht. Mein Gefühl sagt auch: nicht jetzt, nicht hier. Der erste Schritt ist getan, der Grund für die Blockade ist ausgesprochen und bewusst gemacht. So weit konnte ich von mir aus helfen. Den nächsten Schritt muss sie selber tun, wie auch immer er aussehen mag.


Denn auch das gehört für mich als Facilitator ganz klar dazu: Immer nur so weit gehen, wie mein Gegenüber bereit ist zu gehen. Egal, wie sehr ich helfen möchte und wie klar ich sehen kann, welche Freiheit und Leichtigkeit hinter der Blockade warten. Mein Gegenüber ist ein souveränes Wesen, es ist nicht an mir, Entscheidungen zu treffen oder mich über Grenzen hinwegzusetzen.


Ich lasse Jessica also weiter über den Ordner erzählen und erwähne lediglich, meinerseits mit einem leisen Lächeln, dass dies ein wunderbares Beispiel ist für die Momente, wo Conscious Clutter Clearing helfen kann.


Das ist jetzt gut ein halbes Jahr her. Den Ordner hat sie immer noch. Das weiß ich, ich hab sie nämlich neulich erst gefragt...


*


Ach ja, und wenn es eine "richtige" Session gewesen wäre? Wenn Jessica hätte weitermachen wollen, was hätte ich dann getan?


Nun, als erstes hätte ich sie gefragt: "Wie fühlt er sich an, der Gedanke, Wissen zu vernichten?"


Und dann gesehen, wie weit sie hätte gehen wollen. :-)

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